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St. Joseph´s Hospice, Dindigul, Südindien, im April 2022

Es ist ein Geschenk, wieder hier sein zu können. Das Hospizgebäude ist in einem guten Zustand. Innen und außen wurden Malerarbeiten durchgeführt, die Räumlichkeiten  wirken freundlich und warm. Im gepflegten Hospizgarten sind die Palmen in den letzten 2 Jahren sehr gewachsen und bieten den HospizbewohnerInnen Schatten in der gnadenlosen Hitze. Über 40 Grad werden aktuell auf dem Thermometer in Tamil Nadu gemessen, auch für Südindien um diese Zeit eine unübliche Temperatur. Durch den Klimawandel ausgelöst leiden die Menschen in Indien momentan unter einer extremsten Hitzewelle.  Im Norden Indiens werden bis zu 55 Grad Celsius verzeichnet. In den Nächten kühlen die Temperaturen oft nur wenig ab , das ist zusätzlich eine große Herausforderung  für die Menschen. Als ich ankomme, gibt es tatsächlich noch bekannte Gesichter unter den HospizbewohnerInnen. Zwei Frauen kommen lachend auf mich zu und umarmen mich. Ich freue mich auch sehr, sie wiederzusehen. Auch die 33- jährige Mrs. Jancy, die die Leitung des  Hospizes in Dindigul seit vielen Jahren  innehat und mit ihrem Mann Sentil und ihren beiden Kindern Assunta und Binu im St. Joseph´s Hospiz in Dindigul lebt begrüßt mich sehr herzlich. Wegen der Hitze hat sie mir einen Raum mit air -condition  vorbereitet, damit ich gut schlafen kann. Mit Fr. Thomas telefoniere ich mehrmals. Er ist zur Zeit in Chennai an der Ostküste , 700 km entfernt von Dindigul und verbringt die Tage wegen der Hitze fast ausschließlich  in seinem kühlen office mit Klimaanlage und arbeitet von hier. In unseren Gesprächen teilte mir Fr. Thomas seine Überlegungen mit, allmählich aufgrund seines Alters das erste der 5 Hospizgebäude an einen Orden abzugeben.  Dem 45-jährige indische Pater Sebastian habe er aus diesem Grund die kommissarische Leitung des St. Joseph´s Hospizes in Dindigul bereits übergeben. Pater Sebastian unterstützt Mrs. Jancy momentan dabei, die bisher handschriftliche Buchführung auf eine Digitale umzustellen und feiert jeden Sonntag mit dem 10 HospizmitarbeiterInnen und den BewohnerInnen in der Hospizkapelle einen Gottesdienst. Seine eigene Gemeinde ist 5 Autominuten entfernt. An einem Tag fahren wir (Mrs. Jancy und ihr 3-jähriger Sohn Binu, Fr.Sebastian und ich)  gemeinsam in das nahegelegene Dorf. Fr. Sebastian lebt neben der neu renovierten kleinen Dorfkirche alleine in einem sehr schönen Pfarrhaus.

Fr. Sebastian ist ein freundlicher, geduldiger und sehr humorvoller Mensch, der Geige spielt.  Er wollte eigentlich Berufsmusiker werden, erzählt er mir, habe dann aber seine Berufung in einem Studium der Sozialarbeit und anschließendem geistlichen Weg gefunden. Er singt viel und gerne im Gottesdienst. Ich zeige ihm im Hospiz die Körpertambura, die in gutem Zustand ist. Er ist sehr interessiert zu lernen, auf dem Instrument zu spielen und über ihre Einsatzmöglichkeiten zu erfahren.

In einem weiteren Telefonat mit Fr. Thomas erfahre ich, dass es den  9 Kindern in den Hospizen  um Chennai gut geht. Sie gehen in eine nahegelegene Schule, sind alle gesund und natürlich in den letzten Jahren auch ganz schön gewachsen. Das kann ich auf Bildern sehen, die Mrs. Jancy mir zeigt. Für die finanzielle Unterstützung der Kinder in der Zukunft hat Fr. Thomas ein separates Konto angelegt.

Beim indischen Frühstück, Idli mit Kokospaste, erfahre ich von Mrs. Jancy über die Coronapandemie und ihre Auswirkungen auf die Hospize. Über 7 Monate habe nur der Fahrer und ihr Mann das Hospizgebäude verlassen dürfen, um für die Versorgung auf den Märkten in den Nachbardörfern zu sorgen, erzählt mir Mrs. Jancy. Mit Spezialanzügen, Mundschutz und Handschuhen ausgestattet seien sie zum Einkauf aufgebrochen. Nach ihrer Rückkehr hätten sie die Spezialkleidung vernichtet und immer sich selber und auch die Lebensmittel desinfiziert. Im Hospiz habe es regelmäßig Testungen gegeben, kein Fall von Corona- Infektion sei bisher aufgetreten. Die Bewohnerzahl im Hospiz in Dindigul ist seit der Coronapandemie auf 175 begrenzt, es wurden und werden momentan keine neue Patienten aufgenommen, sagte sie mir. In den 7 Monaten des  lock downs hätten sie sich auf die Gemeinschaft mit den Bewohnern konzentriert, das Gebäude renoviert und immer daran geglaubt, dass sich die Situation wieder entspannt. Alle 10 HospizmitarbeiterInnen sind 2 mal gegen Covid-19 geimpft. Die 3.Boosterimpfung haben bisher nur ältere Menschen erhalten.

Während ich in Dindigul im St. Joseph´s Hospiz  bin erfahre ich, dass Fr. Thomas in diesen Tagen von der örtlichen Polizeibehörde in Chennai eine Ehrung für seine Arbeit verliehen wird. Die örtliche Polizei ist für die obdachlosen Menschen zuständig. Sie dankt Fr. Thomas und ehrt ihn  für sein humanitäres Engagement, sterbende obdachlose  Menschen in den St. Joseph´s Hospizen aufzunehmen und ihnen dadurch einen menschenwürdigen Tod zu ermöglichen.

Die Coronapandemie ist für die meisten Menschen in Indien gegenwärtig kein Thema mehr. Im Flugzeug bestand zwar noch Maskenpflicht und auch im Taxi. In Geschäften und auf den Straßen tragen wenige Menschen eine Maske. Auch im St. Joseph´s Hospiz  in Dindigul werden keine Masken mehr getragen. Die Infektionszahlen sind gegenwärtig in Tamil Nadu sehr gering. Man spricht jedoch schon von einer möglichen 4.Pandemiewelle, die für den Herbst erwartet wird.

Die politische Situation speziell  für christliche NGO ´s  ( nicht regierungsgeführte Organisationen) ist in Indien immer noch sehr angespannt. Die Regierung hatte kürzlich in einem neuen Gesetz erlassen, dass viele dieser Projekte nicht mehr finanziell aus dem Ausland unterstützt werden dürfen. Hunderte von Projekten können so nicht mehr überleben.

Zum Glück fallen die St. Joseph´s Hospize nicht darunter. Während des Corona-lock-downs unterstützte der Staat die Hospize sogar zeitweise finanziell mit.

Ich fand die Hospizgemeinschaft nach 2 Jahren Pandemie so vor, wie ich sie von meinem letzten Besuch vor  2 Jahren in Erinnerung  hatte: freundlich, sehr menschlich und weiterhin hoffnungsvoll.

Ein Gefühl von tiefer Dankbarkeit erfüllte mich auf meinem Weg zurück nach Deutschland.

Berlin, 11.5.2022      Cordula Dietrich

Brief von Fr. Thomas

Dies ist die Übersetzung der Mail von Fr. Thomas, die er am 4.6.2021 an uns geschickt hat:

Liebe Vereinsmitglieder von Zuflucht e.V,

Die Nachrichten über die Pandemie Situation in Indien, die auch Ihr seit den letzten Monaten über die Medien erhaltet, sind sicher ganz schrecklich.

Wir sehen hier im Ganges und in anderen Flüssen hunderte Leichen dahintreiben, die Krematorien können dem Ansturm nicht mehr standhalten, man sieht Leichen aus Krankenwagen herausfallen, Krankenwagen bilden über 2km Warteschlangen vor den Krankenhäusern in manchen Städten, Menschen halten ihre Angehörige, die nach Luft ringen in den Armen, ohne Sauerstoff für sie in einem der Krankenhäuser in der Nähe zu bekommen.

Über 250 katholische Priester und 300 Nonnen starben während der 2.Pandemiewelle, ca 50 Ärzte starben in Tamil Nadu während eines Monats und etwa 10x so viele Krankenschwestern. Wir sind umgeben von Tod und Verlust. Täglich erhalten wir Nachrichten vom Versterben von 2 oder 3 Menschen, die uns nahestehen, manche von ihnen sind sehr jung. Wir fühlen uns allmählich abgestumpft und taub, unsere Herzen können das schreckliche menschliche Leid um uns nicht mehr ertragen. In unserem Hospiz in Dindigul musste ich 2 langjährige Mitarbeiter entlassen, weil sie die Arbeit verweigerten, obwohl ich ihnen und ihren Familien freie Unterkunft angeboten hatte. Innerhalb einer Woche verließen sie uns, um bei ihren Familien zu sein. Beide infizierten sich mit COVID-19. Eine der beiden ist komplett genesen, die Andere kämpft momentan im Krankenhaus um ihr Leben. Wir haben ihren Familien finanziell und moralisch geholfen; das war alles, was wir für sie tun konnten.

In den vergangenen 2 Wochen haben wir täglich am Bahnhof in Chengleput ( einem Dorf in der Nähe von Chennai) an 50 Obdachlose Frühstück verteilt. Wir geben das Essen aus unseren Töpfen aus, sie verteilen es dann untereinander auf Einmalteller, die anschließend weggeworfen werden können.

Wir haben auch begonnen, Reis an sehr bedürftige Familien in den Dörfern in der Nähe zu verteilen. Bitte seid versichert, dass wir vorsichtig sind, den Mindestabstand einhalten und doppelt Masken übereinander tragen. In einer solchen Situation, in der es um Leben und Tod geht, bin ich sehr strikt und vorsichtig. Das ist auch der Grund dafür, dass wir bisher keinen Fall von COVID-19 in einem unserer Hospize hatten. Bitte macht Euch keine Sorgen, der gute Herr beschützt uns.

Alle unsere Mitarbeiter in allen 5 Hospizen sind nun geimpft. Die Patienten in Dindigul haben die erste Dosis erhalten. In den anderen Hospizen hat bisher keiner der Patienten eine Impfung erhalten, da sie keine Ausweispapiere besitzen. Wir haben bei Gericht wegen dieser Diskriminierung eine Klage eingereicht.

Die Spenden aus Indien sind momentan sehr zurückgegangen, da keine Gottesdienste stattfinden, in denen bisher viel gespendet wurde. Wir kommen jedoch bisher mit unseren Reserven gut zurecht und helfen auch denen in der Nähe, die extrem bedürftig sind.

Die Arbeit an der Verbindungsmauer des Gebäudes geht weiter voran. Wenn sie abgeschlossen ist, können wir mit unserem Arbeitsteam unsere Arbeit am Hospiz in Vellure beginnen.

Hier in Paleshwaram sind das Hospizteam, sowie eine ehemalige Ordensschwester und eine Freiwillige mit mir. Sie helfen beim homeschooling der Kinder und bei der Versorgung der Hospizbewohner.

Kürzlich haben wir 125 Schafe angeschafft, die eine gute Versorgungsquelle neben dem Geflügel für uns sind. Gesundheitlich geht es mir gut. Ich versuche, optimistisch zu sein.. etwas anderes kann ich nicht tun, in dieser Zeit des strikten lock downs. Seid gewiss, dass ich täglich für Euch bete.

Herzlichen Grüße, Fr.Thomas Paleshwaram, 04.06.2021

Danksagungsbrief von Bischof Marcus Stock (Leeds, UK) an Fr. Thomas

Lieber  Fr. Thomas,

Du brauchst mir für nichts zu danken, ich bin es der Dir zu Danken hat.

Zuallererst danke ich Dir für Deine freundliche Einladung nach  Indien und für das Privileg, das wunderbare neue Hospiz in Chingleput eröffnen und segnen zu dürfen. Du und alle , die mit Dir arbeiten haben mir eine solche Gastfreundschaft erwiesen und mich auf die wärmste Art willkommen geheissen, die man sich nur erhoffen kann. Ich fühlte mich durch die Großzügigkeit und Freundlichkeit, die mir entgegengebracht wurde tief berührt.

Zum Zweiten, und  was noch viel wichtiger ist, danke ich Dir für das unglaubliche Zeugnis, dass Du als Priester der Diozöse Leeds gibst, wie Du unserem Herrn Jesus Christus in Deiner Arbeit für die  Armen, Obdachlosen und Sterbenden dienst. Du bist ein lebendiges  Beispiel  eines authentischen christlichen Zeugnisses sowohl für mich als auch für alle, die  mit Deiner Arbeit in Berührung kommen. Ich hoffe und bete, dass ich auf meine bescheidene Weise dazu beitragen kann, Deine Arbeit bekannter zu machen und Menschen zu ermutigen, Dich in Deiner Mission für die Sterbenden und Obdachlosen zu unterstützen, auf welche Art auch immer. Bitte sei Dir gewiss, dass Du in mir als Deinem Bischof einen Vater, Bruder und Freund hast. Ich sende mit dieser mail ein Photo, dass im letzten September aufgenommen wurde und mich mit Papst Franziskus zeigt. Vielleicht möchtest Du es in den Hospizen aufhängen. Sei Dir immer meiner Gebete, Unterstützung und besten Wünsche gewiss.

Dein Marcus Stock

 

K1024_Pope Francis & Bishop Marcus (1)

Das Bild zeigt Bischof Marcus Stock (Leeds, UK) während einer Audienz bei Papst Franzsikus.